Kategorie: Journalismus

Im Bereich Journalismus könnt ihr Eurem schriftstellerischen als auch audiovisuellen Können völlig freien Lauf lassen. Thema, Art und Umfang bleiben dabei ganz Euch überlassen. In der diesjährigen Jury der Kategorie Journalismus sind Daniel Schmid, Fernsehjournalist des RTL Mittagsjournals „Punkt 12“ sowie Daniel Bouhs, Journalist bei der Nachrichtenagentur „dapd“.

Gewinner des Meduc Awards 2011: Anke Burgstahler mit "Kreuz und Quer"

Anke Burgstahler schreibt seit ca. 5 Jahren Radiobeiträge für „Kreuz und Quer“ bei DASDING und nimmt sie selbst im SWR-Tonstudio auf. „Kreuz und Quer“ ist ein Projekt von der Kirche in Zusammenarbeit mit dem SWR. Kurze, ca. einminütige Beiträge werden von jungen Leuten für junge Leute geschrieben. In den Beitragen geht es nicht nur um religiöse Themen, sondern auch um Erlebnisse und Erfahrungen, Alltag und Ansichten, Gefühle und Gedanken. Das Ziel ist es, Menschen zu fesseln und zum Nachdenken zu bringen.

...und in der Schülerkategorie Edith Keller und Beat Seemann mit „Freiheit auf 4,5 Quadratmetern“

Edith Kellers und Beat Seemanns Artikel mit dem Titel „Freiheit auf viereinhalb Quadratmetern“ beschreibt ein Asylantenheim am Ortstrand von Weilheim. In den einstigen schlichten Gebäuden lebten Bauarbeiter, heute dienen sie als Unterbringung für 80 Flüchtlinge.

Die Idee zu dem Projekt entstand aufgrund der prekären Situation in den Flüchtlingsheimen im Winter 2010. Daher beschlossen Edith Keller und Beat Seemann für die Jugendredaktion „Flugplatz“ des Schwäbischen Tagblatts in Tübingen eine Reportage über das örtliche Asylheim zu schreiben. Hierfür organisierten sie sich ein Gespräch mit den zuständigen Behörden im Landratsamt sowie dem zuständigen Sozialarbeiter.

Mit diesem Artikel wollten die beiden jungen Autoren das Thema Asylpolitik in den Köpfen der Menschen verankern. Es soll das Schweigen durchbrochen werden und aufzeigen, dass auch in einem reichen Land wie Deutschland Menschen unter inhumanen Zuständen leben müssen.

Freiheit auf viereinhalb Quadratmetern


FLUGPLATZ-Mitarbeiter zu Besuch in Flüchtlingsunterkünften

Es ist dunkel und kalt draußen, drinnen brennen einige Lichter. Nebenan stehen Kräne, Autos rasen vorbei. Eine Stahltüre öffnet sich und wir gehen durch den kahlen Flur.


Edith Keller, 16 und Beat Seemann, 18


In den beiden Gebäuden sind insgesamt etwa 80 Asylbewerber/innen untergebracht. Früher wohnten Bauarbeiter in den beiden schlichten Häusern am Ortsrand von Weilheim. Heute leben hier 80 Flüchtlinge auf engstem Raum. An jenem Dienstagabend im Dezember duftet es nach Essen, in der sehr spärlich eingerichteten Küche wird gekocht. Wir befinden uns im Frauenstock. Wie man
hört, lässt er sich vom Männerstockwerk dadurch unterscheiden, dass er der gepflegtere ist. Doch wenn sich 15 Menschen eine Küche und ein Bad teilen, kann man zwangsläufig nicht von Ordnung sprechen. Die Toiletten seien nicht immer funktionstüchtig, hören wir von den Bewohnern, und auch manche Küchengeräte würden in einem normalen Haushalt auf dem Müll landen. Von
Privatsphäre kann natürlich keine Rede sein. „Wir leben wie Tiere hier“ meint ein Bewohner, man fühlt sich eben als Mensch zweiter Klasse, so ohne Pass. Der ist in der Aufnahmebehörde in Karlsruhe geblieben.


Wir verteilen uns auf die kleinen Zimmer und werden herzlich empfangen. Wer mit wem in einem Zimmer wohnt, bestimmt zunächst die Nationalität. Jede/r Asylbewerber/in hat Anspruch auf mindestens 4,5 Quadratmeter, jedoch sind diese allein durch das Bett beinahe ausgeschöpft. Dann vielleicht noch ein Tischchen und ein Fernseher, und man kann nicht mehr umfallen. Gerade kommen arabische Nachrichten, die aus der Heimat vieler der hier Wohnenden berichten. Die drei Iraker, mit denen wir uns unterhalten, mussten wegen des Terrorismus flüchten. Salam Suleman Rached ist seit fast eineinhalb Jahren in Deutschland und hat nun endlich eine Anerkennung
bekommen. Zusammen mit seiner 18-jährigen Tochter, die am Tag zuvor ankam, kann der Lastwagenfahrer nun eine eigene Wohnung beziehen. Diese sogenannten Anschlussunterkünfte sind in den Gemeinden verteilt. Salam Suleman Racheds Meinung nach ist die Küche in der Unterkunft seit einem Monat so dreckig, dass er davon krank wurde. Dagegen wird sie von Karl-Heinz Meier, Leiter der Ordnungs-Abteilung beim Landratsamt, eher mit einer Studentenwohnheims-Küche verglichen.


Der 23-jährige Ismail Rasho ist Dolmetscher für arabisch, englisch und kurdisch, was sich bei unseren Gesprächen als sehr nützlich erweist. Seine Familie ist noch im Irak. Er meint, dass es überhaupt nichts bringe, über die Asylbewerber zu schreiben, dass sich dafür eh keiner interessiere. Es kamen schon einige Journalisten, aber die Berichte hätten bisher nie geholfen. Wir versuchen zu
erklären, warum es trotzdem wichtig ist, das Thema Asylrecht immer wieder in die Medien zu bringen. Die Gefahr dabei besteht eher darin, dass die Menschen abgehärtet werden und das Thema für sie nach einiger Zeit an Bedeutung verliert.


Im Raum sitzt auch Leo Kukang aus Kamerun. Sie ist seit zehn Monaten in Deutschland und kann für diese kurze Zeit schon sehr gut deutsch. Für alle Asylbewerber/innen ist ein Sprachkurs Pflicht. Leo Kukang verbringt ihre Freizeit mit Musik. Sie singt in drei Chören, am liebsten Gospels. Auf dem Tisch liegen Handys, oft die einzige Möglichkeit, mit der Heimat und Angehörigen in Deutschland in Kontakt zu bleiben, denn schließlich wird die Anwesenheit in der Unterkunft regelmäßig kontrolliert.


Lebensmittel bekommen Asylsuchende in Essenspaketen. Zwei Mal im Jahr gibt es Kleidung. Alle anderen Bedürfnisse müssen von den 40 Euro Taschengeld im Monat bezahlt werden. Manch einer hier raucht, obwohl dann das Geld gleich weg ist. Aber ein Laster verschwindet ja nicht einfach so.


Laut Sozialarbeiter Michael Bisinger ist das Ziel keine Ghettoisierung, sondern der Weg in die Selbstständigkeit: Bisinger ist Ansprechpartner für die Menschen, wird überall freundlich begrüßt.
Doch er ist allein für die 120 Bewohner in Weilheim und Mössingen zuständig, dazu kommen noch die ehemaligen Bewohner. Sachleistungen sieht er kritisch – er hat schon erlebt, dass Menschen dadurch verlernt haben, ihren Alltag zu bewältigen. Auch Arbeiten ist in Deutschland erst nach einem Jahr erlaubt und nur dann, wenn sich für diese Stelle kein anderer Deutscher oder EUAusländer
bewirbt. Daher arbeiten viele als Küchenhilfen. Dies ist wohl ein Teil der Abschreckung des Asylkompromisses von 1993, wo der Anreiz auf Arbeit wegfallen sollte und die Regeln für Anerkennung verschärft wurden. Es kommt einem vor, als hätten die Asylregelungen zum Ziel, eine Flucht nach Deutschland und den Aufenthalt möglichst unangenehm zu machen.


Wir fragen nach, welchen Sinn die Residenzpflicht hat. Das bedeutet, dass der Flüchtling seinen Landkreis nicht verlassen darf beziehungsweise einen Antrag stellen muss, selbst wenn er nahe Verwandte besuchen will. Die Antwort kommt sehr schnell: „Das macht keinen Sinn“, sagt Sozialarbeiter Bisinger. Es sei eine „politische Entscheidung“. In der Praxis wird das Besuchsrecht sehr unterschiedlich gehandhabt. Beispielsweise verlangt das Landratsamt Tübingen keine Gebühren für die Anträge – anderswo müssen die Flüchtlinge manchmal sogar Geld dafür bezahlen.

Die 10 230 Euro, die der Staat pro Person zur Verfügung stellt, reichen eher nicht, meinen Meier und Bisinger. Vor allem Krankenkosten oder Kostensteigerungen seien unkalkulierbar.


Zweite Station unseres Besuchs: Das Flüchtlingswohnheim in Mössingen, wo vor allem Familien untergebracht sind. Auch hier liegt die Unterkunft etwas außerhalb, zwischen der Kernstadt und Bästenhardt. Ursprünglich hatte die Stadt einen anderen Standort im Auge. Doch die Nachbarn gingen auf die Barrikaden, sie wollten kein Asylbewerberheim in ihrer Gegend. In Tübingen war es ähnlich. Denn noch immer gilt die Devise: Flüchtlingsschutz ja, aber bitte nicht vor meiner Haustüre.


In der obersten Wohngemeinschaft lebt eine tamilische Frau aus Sri Lanka mit ihren beiden Töchtern, die sehr erfolgreich in der Schule sind, wie Sozialarbeiter Bisinger erzählt – beide hätten unglaublich schnell deutsch gelernt und kamen daraufhin in eine Schulklasse. Das Lernen macht Spaß, versichern die Mädchen. In Deutschland sind die Lernbedingungen besser als in ihrem Herkunftsland, auch wenn es für Flüchtlingskinder in Deutschland keine Schulpflicht gibt. Für jedes Schulkind bekommen die Eltern 100 Euro jährlich für Hefte und die Schulausstattung.


Die Zimmer in Mössingen sind etwas größer und es ist sauber. Die tamilische Familie teilt sich die Wohnung mit vier Frauen aus Syrien, Schwestern, deren Bruder eben zu Besuch ist. Er war vor 14 Jahren Asylbewerber. Der Rest der Familie würde auch gerne nach Deutschland kommen, doch Familiennachzug ist nicht erlaubt. Er schenkt uns frisch gebackene syrische Plätzchen. Sehr lecker!


In der anderen Wohnung lebt eine afghanische Familie, ihre Reise mit dem Flüchtlingstransport dauerte vier Monate. Ein Politikstudent sagt, er würde am liebsten hier weiter studieren, weil er sein Studium unterbrechen musste, aber er darf nicht.


Wir verlassen die Unterkunft mit einem mulmigen Gefühl darüber, dass es solche
Lebensbedingungen in einem Land wie Deutschland noch immer gibt. Und was passiert mit den Menschen, deren Antrag auf Asyl abgelehnt wird? Wenn in dem Land, aus dem sie kommen, anscheinend wieder Frieden herrscht, wenn es aber vor Ort ganz anders aussieht? Oder was ist mit den Roma, die gar kein Land haben, in das sie zurückkehren können?


Erschienen: 11. Januar 2011